23.07.2018


Gina Lückenkemper: Sie will doch nur laufen

Gina Lückenkemper / Foto: BURG-WÄCHTER

Es gibt 100-Meter-Sprinterinnen, die tigern kurz vor dem Start vor Anspannung ein paar Schritte rauf und runter. Andere gucken grimmig, um ihrer Konkurrenz zu zeigen: ich bin stark, mich schlägst du nicht. Und dann gibt es Gina Lückenkemper. Die 21-Jährige hat auch Sekunden vor dem Startschuss meist ein Lächeln auf dem Gesicht, winkt ins Publikum, strahlt, wirkt locker, so als freue sie sich einfach auf das, was vor ihr liegt. „Ich habe das große Glück das zu tun, was ich liebe. Das macht mich einfach glücklich. Da kann man nur mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Gegend laufen“, sagt Lückenkemper.

Die gebürtige Hammerin, die in Soest ihre ersten leichtathletischen Erfahrungen sammelte, gehört zu den schnellsten deutschen Frauen über die 100 Meter: Als Gina Lückenkemper im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft in 10,95 Sekunden über die Tartanbahn des Londoner Olympiastadions flog, war sie die erste Deutsche seit 1991, die unter elf Sekunden blieb und die siebte deutsche Athletin, der das überhaupt gelang.

Deutschlands größte Sprinthoffnung

Es war ein Lauf, der ihr ein noch breiteres Lächeln ins Gesicht zauberte. Herrlich unbefangen plapperte sie anschließend ins ARD-Mikrofon: „Ich hatte einfach unfassbar Bock zu rennen und ich freu mich gerade einfach nur wie doof.“ Es war aber auch ein Lauf, der sie mit einem Mal an die Weltspitze heranbrachte. Galt sie zuvor als großes Talent, war sie plötzlich Deutschlands größte Sprinthoffnung. Die Erwartungen an sie bei ihren folgenden Starts stiegen enorm. Eine Veränderung, die sie auch gespürt hat. „Die Leute vergessen durch die starken Zeiten der vergangenen Jahre oft und schnell, dass ich immer noch am Anfang meiner Karriere stehe. Ich versuche das aber einfach auszublenden“, sagt sie.

Lückenkemper läuft schon, seit sie ein kleines Mädchen war, für ihr Leben gern. Und sie mag es schnell. „Bereits als kleines Kind merkte ich, dass ich schneller als andere bin. Ich spreche schneller, esse schneller und ich laufe schneller. Läuferisch sind damals schon die Jungs beim Fangen-Spiel verzweifelt“, schreibt sie auf ihrer Homepage. Schon damals hatte sie aber noch eine zweite Leidenschaft, die Pferde. Wann immer es ihr enger Trainings- und Wettkampfplan hergibt, nutzt sie die Gelegenheit, Zeit mit ihrem Pferd Picasso zu verbringen und zu reiten.

“Ich möchte zwei Medaillen gewinnen”

Über den LAZ Soest und die LG Olympia Dortmund führte ihr Weg Anfang des Jahres zum TSV Bayer 04 Leverkusen, wo sie in einem der erfolgreichsten deutschen Leichtathletikvereine trainiert. Ein Wechsel, den sie bisher in keiner Weise bereut hat. Im Gegenteil. „Es läuft genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe top Trainingsbedingungen und ein professionelles Umfeld, das mich auf meinem Weg in die Weltspitze unterstützt“, sagt sie. Auf diesem Weg möchte sie bei der Heim-EM Anfang August in Berlin ein gutes Stück weiter kommen. Sicher werden dort auch die Erwartungen von außen enorm sein. Denn Lückenkemper ist mit guten Zeiten in die Saison gestartet. Doch auch die Athletin selbst hat hohe Erwartungen an sich. „Ich möchte bei der EM zwei Medaillen gewinnen“, erklärt sie selbstbewusst, aber auch mit einem Lächeln. Sie freut sich auf den Wettkampf, weil sie dort wieder das tun kann, was sie glücklich macht: durch die Gegend laufen, so schnell sie kann.

Aus dem aktuellen Westfalenspiegel

Jürgen Bröker